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Silent Control


Silent Control
Genre:
Thriller
Autor:
Thore D. Hansen
Seiten:
508
Verpackung:
Klappenbroschur
Kaufstart:
12. November 2012
Verlag:
Europa Verlag Berlin
ISBN:
978-3-944305-00-4

Torben Arnström hat eigentlich fast alles, was man zum Leben braucht: Er hat seine große Leidenschaft, die Informatik, zu seinem Beruf gemacht, ist mit der wohl besten und mutigsten Frau des Landes befreundet und verdient sein Geld in einem erfolgreichen IT-Sicherheitsunternehmen. Doch um ihn herum, scheint die gesamte Welt im Umschwung. Immer wieder versuchen Regierungen neue Überwachungs- und Kontrollgesetze auf den Weg zu bringen, während Occupy- und Anonymous-Aktivisten die Straßen blockieren, um gegen die immer weiter voranschreitende totale Kontrolle zu protestieren. Nun steht auch er vor einem großen Gewissenskonflikt, als sein Unternehmen plötzlich eben jene Aktivisten bekämpfen soll, mit denen er eigentlich so sehr sympathisiert. Während seine beste Freundin spontan kündigt und endgültig die Schnauze voll hat, versucht Torben im Verborgenen seine Pläne durchzuführen. Unter Anleitung eines ehemaligen CIA-Agenten dringt er in die Datenbanken des US-Geheimdienstes ein, um ein Programm in Umlauf zu bringen, das jegliche staatliche Spionage aufdecken soll und so den Überwachungsplänen in die Quere kommt. Das hat allerdings weit größere Folgen, als zunächst angenommen, denn während er erst ins Visier des schwedischen Geheimdienstes gerät, wird er plötzlich auch noch von der CIA entführt. Dumm nur, dass er noch gar nicht ahnt, welche globalen Kontrollsysteme bereits kurz vor ihrem Start stehen… – wird er Operation „Silent Control“ jetzt noch stoppen können?

Kritik:
Die einen nehmen es kaum ernst, denn „sie haben ja nichts zu verbergen“, für die anderen ist es eine der wohl größten Bedrohungen der menschlichen Freiheit: Die Kontroll-, Überwachungs- und Zensursysteme, welche auf fast der gesamten Welt immer weiter voran schreiten. Erst geriet die Vorratsdatenspeicherung in den Fokus der Kritiker, anschließend folgen Three-Strikes, biometrische Passfotos, immer mehr Chips und Videoüberwachung, INDECT, ACTA und viele weitere Möglichkeiten zur Überwachung der Bürger. Aktivisten wie Anonymous und WikiLeaks machten sich die Transparenz und Aufdeckung zu ihrem Ziel und selbst ganze Parteien wurden zum Zwecke der Überwachungsbekämpfung gegründet. Doch „Silent Control“ will uns darauf aufmerksam machen, welchen Zweck all diese Mittel wohl wirklich haben mögen.

Die Angst wird Realität
Thore D. Hansens „Silent Control“ erinnert dabei auf den ersten Blick vor allem an bekannte Genrevertreter, die teilweise längst zum Kult wurden. In neuerer Hinsicht erinnert uns der Thriller vor allem an Karl Olsbergs „Das System“ und schauen wir einmal einige Jahrzehnte zurück, so erinnern wir uns schnell an „1984“ von George Orwell. Auch er beschrieb bereits die Möglichkeiten zur totalen Überwachung und schaffte einen Staat, in dem die Meinungen und Gedanken praktisch vorgegeben waren. Heute jedoch sind die technischen Möglichkeiten längst weiter fortgeschritten und die mögliche Bedrohung reicht weit über das hinaus, wovor die Leute sich in „1984“ einst noch fürchteten. Gleichzeitig ist der Thriller dank politischer Sachkenntnis und einem gewissen EDV-Verständnis erschreckend realistisch und könnte so tatsächlich eintreffen. Eine furchteinflößende Story, die einerseits Verschwörungstheorie sein könnte, andererseits aber doch beängstigend real erscheint – zumal einige der Überwachungsmaßnahmen in Europa und den USA längst umgesetzt sind und die Bedrohung durch Drohnen auch heute mehr als aktuell ist.

Die Manipulation der Massen
„Silent Control“ stellt das kapitalistische System grundsätzlich in Frage. Die Regierungen scheinen allesamt korrupt und lassen sich von Lobbyisten und Großkonzernen schmieren, die allesamt daran interessiert sind, an der Macht zu bleiben und alte Strukturen aufrecht zu erhalten. Mit klassischen Medien noch ein leichtes Ziel, wird dies mit der freien Meinungsbildung durch das Internet immer schwieriger und freidenkende Bürger wollen sich gegen das System zur Wehr setzen. Nur die totale Überwachung und Kontrolle scheint da noch eine Lösung, die Massen mittels gezielter Manipulation „auf Linie“ zu bringen. Schlägt das Fehl, müssen härtere menschenverachtende Maßnahmen ergriffen werden. Der Bezug zur Realität wird vor allem daran verdeutlicht, dass „Silent Control“ auf Maßnahmen und Techniken aufbaut, die längst umgesetzt wurden. Ein Three-Strikes-Modell wird plötzlich zu einer On-the-Fly-Zensur, soziale Netzwerke liefern ihre Daten direkt an die Geheimdienste, biometrische Pässe und psychische Analysen werden zu einem angsteinflößenden Pre-Crime-Modell und Brain-to-Computer-Interfaces zur gedanklichen Steuerung von Anwendungen, die eigentlich für Behinderte interessant erscheinen, werden zu einer Gedankenmanipulationswaffe ausgebaut. Findet man dann noch die richtigen Zusammenhänge und glaubwürdige Motive – und das gelingt Thore D. Hansen – außerordentlich gut, wird sich so mancher Leser wohl fragen, welche Teile der Geschichte nicht vielleicht doch der Wahrheit entsprechen und längst in Planung sind. Die Sicherheitspolitik der EU-Länder deutet jedenfalls auch heute bereits darauf hin.

Ein genialer Außenseiter
Hansen schafft damit einen beklemmenden Thriller, der so nah an unserem eigenen Leben ist, dass wir schnell feststellen, dass wir längst von vielen der beschriebenen Maßnahmen betroffen sind. Wer einst noch der Meinung war, er habe doch nichts zu verbergen, könnte nach „Silent Control“ ganz schnell anderer Meinung sein. Kein Wunder übrigens, wenn man bedenkt, dass der Thriller so natürlich wie möglich beschrieben wurde. Die Figuren wirken absolut glaubwürdig und nachvollziehbar und könnten praktisch Menschen von nebenan sein. Denn wer kennt sie nicht, die stillen zurückgezogenen Nerds von nebenan, die ihre Freizeit lieber im Internet verbringen, statt mit Freunden zu feiern. Andererseits die rebellischen Andersdenkenden, die unbedingt gegen das System rebellieren wollen. Aber auch der systemkonforme Mitläufer, der täglich brav zu seiner Arbeit fährt und jegliche Systemkritik als paranoide Verschwörungstheorie abtut – und damit wohl etwa einem Durchschnitt der Bevölkerung entspricht. Gleichzeitig die brutalen Polizisten, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen, während die Medien der anderen Seite die Schuld in die Schuhe schieben. Alles Szenarien, die keineswegs unbekannt sind. Und gerade Torben Anström, der geniale Nerd von „nebenan“, fesselt uns mit seiner natürlichen gefühlvollen Art so sehr, dass wir uns fast tatsächlich mit ihm anfreunden wollen. Man hätte einen Thriller mit derartiger Thematik wohl kaum besser schreiben können, als es Hansen mit „Silent Control“ tat. In kaum einem Zukunftsthriller steckt womöglich so viel Wahrheit.

Fazit:
Der Zukunftsthriller von Thore D. Hansen nimmt den Überwachungswahn glaubwürdig unter die Lupe und schildert uns ein erschreckendes Szenario der totalen Kontrolle, das so real und beängstigend zugleich ist, dass so mancher seine Sicht der Dinge schnell überdenken könnte. Ein Meisterwerk voller Tempo, Realismus und Spannung.