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Wind


Wind
Genre:
Roman / Fantasy
Autor:
Stephen King
Seiten:
416
Verpackung:
Hardcover
Kaufstart:
10. September 2012
Verlag:
Heyne
ISBN:
978-3-453-26794-7

Gerade erst den Grünen Palast verlassen, machen sich Roland Deschain, der letzte Revolvermann und seine Gefährten auf den Weg ins Land Donnerschlag, welches sie nur über den Pfad des Balkens erreichen können. Mitten durch einen Wald aus Eisenholzbäumen stehen sie somit großen Gefahren gegenüber und müssen sich schon bald vor einem todbringenden, eiskalten Stoßwind in Sicherheit bringen. Erst einmal Unterschlupf in einer verlassenen Hütte gefunden, erzählt er seinen Begleitern eine Geschichte aus seiner Kindheit, nachdem er versehentlich seine eigene Mutter ermordet hat. Denn auf einer entlegenen Ranch geschahen schreckliche Morde, die stets auf einen Gestaltwandler, einem sogenannten „Fellmann“ zurückzuführen waren. Doch es gab nur einen Zeugen: Den jungen Tim, der fortan in größter Gefahr schwebt…

Kritik:
Schriftsteller-Legende Stephen King ist als einer der erfolgreichsten und berühmtesten Autoren vor allem für seine herausragenden Horrorromane bekannt. Nach zahlreichen Verfilmungen, gruseligen Geschichten und etlichen Auszeichnungen mögen die meisten Leseratten es wohl kaum für möglich halten, dass King auch gänzlich andere Genres bedienen kann. Mit der Saga um den dunklen Turm versuchte er sich einmal mehr an waschechten Fantasy-Romanen und liefert mit „Wind“ bereits den achten Band der Reihe ab. Doch der Einstieg kann ganz schön problematisch sein.

Ein Billy-Bumbler für überforderte Leser
Problematisch vor allem für jene, die mit der Reihe noch gar nicht vertraut sind. Als Einstieg in die „Dunkle Turm“-Saga mag der achte Band schließlich nur bedingt taugen, denn stilistisch richtet sich die Schreibweise doch eher an Kenner der Reihe. Lediglich ein Vorwort bietet den Lesern die Möglichkeit, das nötige Hintergrundwissen möglichst knapp aufzunehmen und damit immerhin diverse Fremdwörter zu verstehen. Andernfalls mag so mancher Bücher-Fan wohl schnell verdutzt auf die vollen Zeilen starren, wenn er darüber rätselt, was ein „Billy-Bumbler“, „Klingeling“, „Pfad des Balkens“ oder „Eisenholzwald“ wohl sein mögen. Noch dazu, dass vermeintliche Tiere wohl zu sprechen beginnen und die Story zu Beginn schon ganz schön abgedreht wirkt. Nach und nach jedoch bekommen selbst Neulinge einen immer besseren Einblick in die Geschichte und können sich gut in die Figuren hineinversetzen. Denn kommen erst einmal Familiendramen hinzu, wird „Wind“ ganz schön emotional.

Werwolf trifft Familienprobleme
Inhaltlich mag „Wind“ dabei ganz klar an klassische Werwolf-Geschichten angelehnt sein. Ein Gestaltwandler, der sich zu bestimmten Tageszeiten in ein behaartes Wesen verwandelt und nachts fremde Menschen auf mysteriöse Weise ermordet, dürfte dabei wohl jedem bekannt sein und inhaltlich nicht gerade originell erscheinen. Das Besondere kommt erst dann zum Vorschein, wenn wir uns einmal die Details von Stephen Kings Fantasyroman ansehen, denn mit einer Mischung aus „Der Zauberer von Oz“ und „Die unendliche Geschichte“ entführt er uns in eine fantasievolle Welt, die zahlreiche Geheimnisse birgt. Gelungen ist dabei vor allem sein interessanter Schreibstil, der ernste Themen mit teils kindlicher Sprache vermischt und die Figuren sowohl skurril, als auch irgendwie niedlich erscheinen lässt. Selbst, wenn die Story dann einmal uninteressante Momente hat, bleibt „Wind“ doch durch Stephen Kings besonderem Schreibstil stets interessant. Denn King versteht es einfach, auf spannende Weise mit der Sprache zu spielen – klasse.

Kapitel? – Unnötig!
Schade ist dabei allerdings, dass sich „Wind“ auch ganz schön in die Länge ziehen kann. Etwa dann, wenn sich die Geschichte um den jungen Tim dreht, der es mit heftigen familiären Problemen zu tun bekommt. Da verzichtet King doch plötzlich gänzlich auf Kapitel und liefert uns über knapp 200 Seiten einfach einmal einen zusammenhängenden Text – ohne echte Anker und Abschnitte. Die Erzählung erfolgt an einem Stück und gerade dann, wenn wir einmal eine Lesepause einlegen wollen, fällt es doch oftmals schwer, eine passende Stelle zu finden, an der wir später optimal wieder einsteigen können. Da hätte man das Buch durch das Verwenden von Kapiteln sicher auch „leserfreundlicher“ gestalten können, denn so wirkt „Wind“ oft einfach wie ein langer zäher Brocken, der einfach kein Ende finden will und sich über weite Strecken doch recht zieht. Erst bei actionreichen Auseinandersetzungen kommt dann so viel Spannung auf, dass uns die mangelnden Kapitel auch gar nicht mehr stören. Die Tatsache, dass King aber eigentlich mehrere verschiedene Geschichten durch Erzählungen ineinander verstrickt, macht „Wind“ aber tatsächlich nicht einfacher zu lesen. Tatsächlich könnte es sogar manchen Leser eher stören, dass die eigentliche Rahmenhandlung durch die über hundert Seiten lange ausführliche Erzählung von einem Gestaltwandler, in dessen Geschichte wiederum vom jungen Tim erzählt wird, durch eben jene „Zusatzgeschichten“ einfach nur unterbrochen und gestört wird. Kommen da der große Reiz und das große Interesse bereits zu Beginn auf, wenn die Gruppe um den Revolvermann in einen Sturm gerät, so wünschen wir uns jene Figuren umso schneller zurück und erhoffen uns eigentlich eine spannende Survival-Story. Doch die bekommen wir leider nicht geboten. „Wind“ ist somit durchaus eher eigenartiger und befremdlicher Stoff, der aber durchaus seine ganz eigenen Qualitäten vorzuweisen hat. Schließlich ist King immerhin ein guter Autor, der es versteht, mit der Sprache und Lyrik umzugehen.

Fazit:
Stephen King beweist sich einmal mehr als exzellenter Autor, dem es auf brillante Weise gelingt, eine erwachsene Story mit kindlichen Elementen zu verbinden. Leider kann dies nicht immer über diverse Längen in der Erzählung hinweg täuschen.