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Wir nennen es Politik


Wir nennen es Politik
Genre:
Sachbuch
Autor:
Marina Weisband
Seiten:
174
Verpackung:
Hardcover
Kaufstart:
14. März 2013
Verlag:
Tropen Verlag
ISBN:
978-3-608-50319-7

Seit der Bundestagswahl im Jahre 2009 wurde die aufstrebende Piratenpartei in Deutschland immer berühmter, konnte sich in den darauffolgenden Jahren sogar in einigen Parlamenten etablieren. Doch während sich die Partei auf Grund von internen Auseinandersetzungen offensichtlich in einer Selbstfindungskrise befindet und ihren Vorstand am liebsten schnellstmöglich absägen will, gab und gibt es doch nach wir vor eine Hoffnung: Die zur „Ikone“ hochstilisierte Marina Weisband, die auf Grund ihrer gesundheitlichen Probleme und Studienziele ihr Amt als politische Geschäftsführerin vor einiger Zeit zurück gab. Obwohl sie keinerlei Amt mehr innehält und sich selbst nur noch als Teil der Parteibasis sieht, so wird sie doch auch heute noch hochgeschätzt und schafft es noch immer, die Medien zu begeistern. Weisband spricht nun über sich selbst, über ihre Erfahrungen und ihren Vorstellungen von einer besseren Politik.

Kritik:
Marina selbst kann es, wie sie schreibt, kaum verstehen, wie überhaupt ein so großer Hype um sie entstanden ist. Als ehemaliges Mobbings-Opfer, das aus der Tschernobyl-Umgebung in unser Land einreiste und heute bekennende Jüdin ist, fühlte sie sich stets unterlegen und fachlich eigentlich inkompetent – konnte aber gerade mit dieser Authentizität große Sympathien wecken – überall.

Für Piraten nichts Neues
Weisband kommt schließlich noch immer bei den Piraten an. Mit ihrer natürlichen Art, ihrem erfolgreichen Prozess des „einfach Ich-Seins“ und ihrer eleganten Ausdrucksweise punktet sie noch heute bei zahlreichen Parteimitgliedern. In ihrem Buch „Wir nennen es Politik“, schildert sie nun erstmals ihre eigene Sicht der Dinge, wurde aber allein schon für die Veröffentlichung von vielen Piraten kritisiert. Doch schnell wird klar, warum sie allseits so beliebt ist: Sie verkörpert das Weltbild eines Piraten überaus perfekt – und passt damit wohl in das Bild eines typischen Piratenpartei-Mitglieds. Das Problem dabei: Sie spricht im Grunde nur das aus, was viele Piraten ohnehin bereits denken und geht dabei auf politische Prozesse ein, die für Piraten selbstverständlich sind. Das mag für Außenstehende, die gänzlich uninformiert sind, durchaus interessant erscheinen, doch ein Pirat wird dabei wohl wenig Neues erfahren, ist er doch über die liquide Demokratie bestens informiert. Das nächste Problem: Man erfährt überwiegend jene Dinge, die in den meisten Zeitungsartikeln sowieso schon nachlesbar sind. Wer sich für flüssige Demokratie interessiert, der weiß bereits wie das System des LiquidFeedback funktioniert – und wer sich für Marina Weisband als Person interessiert, der kennt ebenso ihren Leidensweg und viele andere Details. Da fehlt dann auf den ersten Blick zunächst also der wahre Informationsgehalt.

Der Sexismus der Medien
So kommt es also, dass „Wir nennen es Politik“ für die eigentliche Zielgruppe, nämlich denen, die sich für Piraten und Marina Weisband interessieren, in mehr als der Hälfte des Buches absolut nichts Relevantes zu finden ist. Erst dann, wenn sie ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit der Welt, den Medien und der Politik schildert, wird es interessant – und man könnte meinen, Frau Weisband würde nun endgültig mit der Sexismus-Debatte und den Politiker-Vorurteilen abrechnen wollen. Wirft sie den Medien also vor, dass sie selbst durch ihre Darstellung der Frau die Geschlechtervorurteile und den Sexismus erst künstlich erzeugen, so kann schnell eine ganz neue Perspektive entstehen, welche die Post-Gender-Argumentation schnell in ein neues Licht rücken lässt. Doch auch die typische Verachtung der Bürger gegen Politiker, welche letzteren die Arbeit deutlich erschwert und unmöglich macht, regt zum Nachdenken an – stellt aber insgesamt ein wohl zu einfaches Weltbild da.

Kindliche Naivität
Fast schon naiv erscheint es, wenn sich ihr Weltbild darauf beschränkt, dass auch Politiker anscheinend Gefühle haben und aus Angst vor Verachtung gewisse Tatsachen vertuschen. Das wird sicher bei einigen, speziell bei der entsprechenden Gruppe große Sympathien wecken, spricht aber nur einen Teilaspekt der Geschichte an. Die Korruption, Lobbyisten-Einfluss und viele andere wichtige Aspekte, die zu Verschleierung von (möglicherweise absichtlich verursachten) Fehlern führen, wird nahezu verdrängt – und damit erweckt Marina Weisband ein kindlich naives Weltbild, das irgendwie fast zu optimistisch wirkt, aber womöglich viel über ihre Herkunft verrät. Natürlich gibt sie, für Piraten typisch, ihre Naivität auch zu und das kann begeistern. Eine Politikerin, die selbst zugibt, eigentlich zu wenig Erfahrung zu haben, um die Welt einschätzen zu können, wirkt authentisch und überaus bürgernah. Dumm nur, dass Weisband versucht, die Welt und die Politik zu erklären, während sie im selben Atemzug schildert, dazu eigentlich nicht fähig zu sein. Damit relativiert sie ihre eigenen Aussagen und lässt sie beinahe zur Wertlosigkeit verkommen. Schade, denn die Gedankengänge haben zumindest in der zweiten Buchhälfte mit den Vorstellungen einer direkteren hybriden Demokratie, durchaus großes Potential, die Gesellschaft revolutionieren zu können.

Fazit:
Eine Piratin erteilt uns sinnvolle und nachhaltige Vorschläge für die Einführung einer besseren, direkteren und hybriden Demokratie, fährt sich aber mit ihrer naiven, selbstdestruktiven Art ein wenig gegen die Wand. Doch die Sympathien bleiben erhalten.