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Wohlstand


Wohlstand
Genre:
Comic
Autor:
Thekla Löhr
Seiten:
56
Verpackung:
Hardcover
Kaufstart:
12. Februar 2013
Verlag:
Epsilon Verlag
ISBN:
978-3-86693-095-7

In einer Zeit, nachdem über die Hälfte der Menschen unterhalb der Armutsgrenze lebten und eine große Überbevölkerung schlimme Folgen hatte, sorgen längst neue, gesellschaftliche Richtlinien für ein vermeintlich geregeltes Zusammenleben. Nur noch, wer ausreichend Leistung erbringt und einer Arbeit nachgeht, hat das Recht zu überleben. Mittels implantierten Chip wird gemessen, wie viele Leistungspunkte ein Mensch erreicht hat. Diese dienen sowohl für den Einkauf, als auch für die totale Überwachung der Bürger. Doch sind die Leistungspunkte erst einmal auf den Wert 0 gesunken, gilt der Mensch als wertlos – und wird aufgefordert, sich selbst umzubringen, zum Wohle der Menschheit. Nachdem die Kellnerin Mirabelle Rapace durch derartige Gesetze bereits drei geliebte Menschen verloren hat, sieht sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben – und nimmt den Kampf gegen den Staat auf…

Kritik:
In der Gesellschaft macht sich eine zunehmend schlechtere Stimmung breit. Immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit, oder müssen sich mit niedrigem Lohn zufrieden geben. Im Ausland herrscht längst eine enorme Jugendarbeitslosigkeit und während die totale Überwachung mit dem Vorwand der Sicherheit und Terrorismusbekämpfung immer weiter voran schreitet, bestimmt das Kapital und der Markt den Wert eines Menschen – so auch in der Realität. Eine grauenhafte Dystopie, die den Leser trotz 56 Seiten lange verfolgt.

Totale Überwachung
Die Autorin Thekla Löhr, kurz TeMel, hat ganz eigene Ansichten von einem positiven gesellschaftlichen Zusammenleben. Als ehemaliges Mitglied der Piratenpartei, sieht sie mit ihren 26 Jahren, bereits heute ein großes Risiko in der totalen Überwachung und der Wertlosigkeit von Arbeitslosen. Immer mehr Menschen sollen durch geheime Überwachungspläne und Drohnen überwacht werden und als politisch motivierte Autorin und Comiczeichnerin liegt es da nahe, ein mögliches Zukunftsszenario einfach einmal weiter zu denken. Während vor einigen Jahren bereits über Diskotheken berichtet wurde, die implantierte Chips als Eintrittskarte verwenden wollen, liegt die Bedrohung eines solchen Chips mit Leistungspunkten umso näher. Die Partei und der Staat überwacht und kontrolliert den Bürger, er weiß einfach alles und legt fest, wie ein Mensch zu leben hat. „Wohlstand“ ist damit eigentlich eine modernere, noch viel krassere Form vom guten alten Klassiker „1984“ von George Orwell. Doch dieser Comic ist keineswegs unrealistisch.

Nur wer leistet, soll auch essen
Der Comic setzt sich somit mit spannenden gesellschaftlichen Themen auseinander und regt zum Nachdenken an. Er zeigt Missstände auf und macht das Entsetzen der Autorin deutlich, die es nur allzu offensichtlich widerlich findet, dass Menschen ohne Arbeit absolut nichts wert sein sollen. Mit deutlichen Anspielungen an die diktatorischen Methoden mancher Arbeitsämter und Texten, die wir auch in der Realität von manchen menschenverachtenden Mitbürgern zu hören bekommen, wird die Situation deutlich überspitzt – aber zugleich auch dem Leser reichlich Angst eingeflößt. Informiert man sich nebenbei über die technischen Möglichkeiten ebenso, wie über die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte, erscheint dieses dystopische Zukunftsszenario beängstigend realitätsnah. „Wohlstand“ bleibt also schnell im Gedächtnis, auch mit nur wenigen 56 Seiten. TeMel gelingt es, ihre Gedanken schnell und direkt auf den Punkt zu bringen und kann ohne große Umschweife ausdrücken, was sie uns mitteilen will – ganz ohne Parteipropaganda, denn während wir ihre Mitgliedschaft nur beiläufig erwähnt haben, fällt das Wort „Piratenpartei“ in ihrem Comic kein einziges Mal. Somit bietet sich hier auch Lesestoff für Fans von „1984“ und anderen erschreckend dystopischen SF-Thrillern, die mit ihrer ehemaligen Partei eher wenig anfangen können. Liebevoll gezeichnete Charaktere, die ihre negativen Emotionen gekonnt zum Ausdruck bringen, runden die Comic-Unterhaltung ab. Geheimtipp!

Fazit:
Packendes Zukunftsszenario im Stil von „1984“, dessen erdrückende und erschreckend realitätsnahe Story so richtig unter die Haut geht.